Die Wegeriche – Teil 1 – Spitzwegerich

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Weil ich grade hinterm Haus war und sie da immer noch eifrig in ihrem grünen Kleidchen stehen, die Spitzwegeriche und Breitwegeriche, hier ein paar Gedanken dazu:

Sucht man nach Informationen zum Spitzwegerich (Plantago lanceolata L.), so kommt man unweigerlich auf die Vielfalt dieser Pflanzenfamilie der Plantaginaceae.

Allein im europäischen Raum findet sich eine große Anzahl der verschiedenartigsten Wegerich-Gewächse. Es handelt sich durchwegs um einjährige und ausdauernde Kräuter, manchmal auch um Zwergsträucher. Die Blätter der Wegeriche sind zumeist einfach und grundständig, in einigen Fällen auch fiederspaltig. Die Blütenstängel sind überwiegend aufrecht und unverzweigt (allerdings gibt es da einige Ausnahmen) und ihre Blüten erscheinen in der Form von Ähren oder Köpfchen, sie sind vielblütig.

Genaugenommen gehört die Wegerichfamilie zu den Lippenblütlerartigen (man nennt diese Gruppe dann Lamiales). Die Bezeichnung „planta“ stammt aus dem Lateinischen und heisst Fußsohle. Man führt das auf die dicht an der Erde anliegenden Blätter einiger Wegericharten zurück, wie z.B. jene des Breitwegerichs (Plantago major L.).  Der zweite Wortteil „agere“ bedeutet führen. Der Begriff „Plantago“ für die Wegeriche findet sich zum ersten Mal in den Schriften des Plinius.

In der deutschen Bezeichnung „Wegerich“ steckt die althochdeutsche Bezeichnung für König oder Herrscher. Wir haben es bei den Wegerichen also mit Wegbeherrschern zu tun. Das sieht man ganz deutlich, wenn man beim Wandern auf Feldwegen einmal auf den Boden schaut…  🙂

Alle Arten der Wegeriche werden bereits seit Jahrhunderten medizinisch – vor allem in der Volksmedizin – genutzt. Die Assyrer haben den bei ihnen heimischen Wegerich als Medizin gegen Schwellungen eingesetzt. Und aus der Geschichte weiß man, dass Dioskurides bereits zwei Arten der Plantaginaceae kannte, nämlich P. asiaatica L. und P. lagopus L. Er schrieb ihnen „austrocknende Kraft“ zu und empfiehlt sie als Umschlag bei Elephantiasis, Geschwüren, Blutflüssen usw.

Im Mittelalter wurde Spitzwegerich (auch Breitwegerich) bei Brandwunden und Hundebissen eingesetzt. Man verwendete damals auch schon Wegerich in Honig bei Mundschleimhautentzündungen. Und man stellte Extrakte gegen alle Arten von Geschwüren und Ausschlägen daraus her.
Im antiken Griechenland wurde der Saft des Wegerichs als Mittel gegen Ohren- und Augenleiden eingesetzt. Und von Hildegard v. Bingen wird er als Mittel gegen „angezauberte Liebe“ empfohlen.
Ein Rezept aus de 17. Jahrhundert gar nennt ihn ein „Aphrodisiakum“!

Stöbert man ein wenig in alten und neuen Pflanzenbüchern, so stößt man – neben den uns gut Bekannten, nämlich Spitzwegerich, Breitwegerich, Mittlerer Wegerich und Hirschhornwegerich – noch auf eine ganze Reihe anderer Plantago-Arten.

Da wären beispielsweise der Alpen-Wegerich (Plantago alpina), der in Höhen zwischen 900 m und 3000 m vorkommt und der Sandwegerich (Plantago arenaria Waldst.&Kit.), sowie viele andere Sorten.

Aber zurück zu „unseren“ Wegerichen, die wir kennen…

Der Spitzwegerich (Plantago lanceolata L.)

Der Spitzwegerich sucht sich gerne trockene Plätze und kalkarme Böden. Er wächst gerne auf eher trockenen Wiesen, auf Feldern, an Wegrändern und auf Schutthalden. Er besitzt einen ausdauernden, tiefreichenden Wurzelstock.
Seine Blätter sind schal und lanzettenförmig, nach oben hin zugespitzt – sie geben der Pflanze ihren Namen. Die Blätter stehen in einer Grundrosette und werden bis zu 40 cm lang. Sie sind parallelnervig und kaum behaart. Bei näherem Hinschauen sieht man drei bis sieben Blattnerven. Die Blütenstängel sind lang und aufrecht, blattlos und die Blüten sind eher unscheinbar. Der Blütenstand ist eiförmig walzenartig und die kleinen Blütchen haben weiß-gelbliche Staubfäden, sind nektarlos und auf Windbestäubung eingerichtet. Blütezeit: Mai bis September. Die Früchtchen sind übrigens zweisamige Kapseln.

Warum ist der Spitzwegerich für uns so heilsam?

Er enthält Schleimstoffe (ca. 2-6%), Gerbstoffe (ca. 5%), Kieselsäure, Flavonoide, Bitterstoffe, das Iridoidglykosid Aucubin (das bei der frischen Pflanze übrigens antibiotisch wirksam ist und sogar z.B. gegen Staphylokokkus aureus helfen könnte), Catalpol (auch ein Iridoidglykosid), Acteosid (Phenylethanoid), Sorbit (= ein Zuckeralkohol), und Mineralstoffe sowie Vitamin C.

In alten Kräuterbüchern lobt man den Spitzwegerich als geschätztes Heilmittel. Er hatte bereits bei den Germanen hohes Ansehen, was die altgermanische Bezeichnung „Läkeblad“ (= Heilblatt) auch aufzeigt. Damals war sein Einsatzgebiet sicherlich vielfältiger als heute.
Interessant finde ich, dass im Zweiten Weltkrieg Tinkturen aus Spitzwegerich als Ersatz für Antibiotika dienen mussten. Keuchhusten wurde auch nach dem Krieg noch mit Spitzwegerichtee und -saft behandelt (meine Mutter hatte mich – ich war damals gerade mal 6 Jahre alt – mit Spitzwegerichsaft wieder gesund bekommen, als ich in den 50er Jahren an Keuchhusten erkrankt war).

Auch heute noch sind Spitzwegerichsaft und -tee bei Atemwegserkrankungen eine wertvolle Hilfe, besonders dann, wenn die Atemwege stark verschleimt sind, aber auch bei chronischer Bronchitis, Bronchialasthma und sogar bei Lungentuberkulose (hier zur Ergänzung medikamentöser Behandlungen). Spitzwegerichtee ist aber auch bei Blasenleiden und Bettnässen empfehlenswert.

Wann sammeln?

Spitzwegerich wird zur Blütezeit geerntet und getrocknet. Man sammelt Blätter, Stängel und Blütenstände. Wird der Spitzwegerich nicht gut durchgetrocknet, so verfärben sich die Materialien. Diese Verfärbung entsteht durch eine Umwandlung des Aucubin in ein Polymerisat. Spitzwegerichtee wird in der Regel unter der Bezeichnung Plantaginis herba vertrieben.

Press-Saft und Fluidextrakt haben lt. Madaus[1] eine gute antibakterielle Wirksamkeit. Ein wässriger Auszug hat angeblich keine Wirkung. Man erklärt das so, dass die antibakterielle Wirkung des Spitzwegerichs durch das in ihm enthaltene Aglykon Aucubigenin entsteht. Dieses Aglykon wird im Fluidextrakt und im Press-Saft freigesetzt.

Durch das Kochen wird das Enzym, dass das Aglykon freisetzen kann, allerdings zerstört. So wirkt der Auszug nicht bakterienhemmend.

[1] Madaus, Jahrbuch 1933

Spitzwegerich-Sirup kann man leicht selbst herstellen:

Junge Spitzwegerichblätter in Streifen schneiden, in einen Topf geben und knapp mit Wasser bedecken. Ca. 20 Minuten schwach köcheln, dann abkühlen lassen. Den lauwarmen Saft filtern, abwiegen. Gleichschwer Rohzucker dazu geben und unter ständigem Rühren so lange einkochen, bis sich auf einem eingetauchten Löffel eine dünne Schicht bildet, die langsam abfließt.

In Flaschen abfüllen, kühl lagern. Der etwas verdünnte Saft schmeckt ausgesprochen gut und ist auch bei Kindern wirklich sehr beliebt!

Wissenschaftlich belegt sind übrigens folgende Einsatzgebiete:
  1. Die innere Anwendung bei Atemwegskatarrhen und bei entzündlichen Veränderungen der Mund- und Rachenschleimhaut
  2. Die äußerliche Anwendung bei entzündlichen Veränderungen der Haut

Die inneren Anwendungen sind deshalb erfolgreich, weil die Pflanzeninhaltsstoffe des Spitzwegerichs reizmildernd, adstringierend und antibakteriell wirksam sind. Bei Husten wird der Hustenreiz gemildert und durch die Schleimstoffe des Spitzwegerichs gelindert.

Das funktioniert so, dass die großen Moleküle der Schleime die Schleimhaut nicht passieren können. Auf diese Weise bilden sie auf den Schleimhäuten eine Schutzschicht. Diese Schicht hält Reize ab und hemmt so den Husten.

Spitzwegerich hemmt aber nicht das Hustenzentrum im Gehirn, das mit dem Auslösen des Hustenreflexes Fremdstoffe und/oder Schleim aus den Lungen herausbefördert.

Reizhusten wird meist durch Rauch, Infektionen, kalte Luft u.a. ausgelöst. Zusätzlich kommen noch Entzündungsprozesse zum Tragen. Die Anwendung von Spitzwegerich bei Reizhusten hilft, weil

  • Der Reiz gedämpft wird,
  • das Abhusten des Schleims gefördert wird,
  • Entzündungen gehemmt werden,
  • Bakterienwachstum gehemmt wird,
  • Bronchialkrämpfe gelöst werden.

Es gibt keine Nebenwirkungen und/oder Wechselwirkungen bei der Anwendung von Spitzwegerich. Er ist auch für Kinder gut geeignet

Zu den äußerlichen Anwendungen:

Spitzwegerich als erste Hilfe gegen Insektenstiche: ein frisches Spitzwegerichblatt wird zerquetscht und auf den Stich aufgetragen.

Entzündungen der Haut bzw. der Mund- und Rachenschleimhaut: Waschungen und Spülungen mit Tee.

Spitzwegerichtinktur kann man übrigens auch zur Haarpflege einsetzen: in einem Haarwasser pflegt sie vor allem die Kopfhaut und hilft gegen Schuppen.

Spitzwegerichtee

Blätter sammeln und gut trocknen. Wirkt besonders gut gemeinsam mit Lungenkraut, Salbei und Thymian gegen Husten und Bronchialkatarrh. Empfehlung: jeweils 3 TL auf eine Tasse Wasser.

 

 

Zur Familie der Plantaginaceae finden Sie auch einen langen Artikel in meinem Buch „Pflanzencode – Der Schlüssel zum Pflanzenreich“, erschienen im Freya-Verlag, ISBN 978-3-99025-331-1 (mit einem Klick zur Buchbeschreibung!). Sie erhalten das Buch im gutsortierten Buchhandel, auf Amazon oder – mit Widmung – gerne auch direkt bei mir.

 

 

 

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